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Freitag, 30. September - letzter Vorbereitungstag
Hätten Sie geglaubt, dass einige Linien auf einer Leinwand, schräg zueinander verlaufend wie ein Ausschnitt aus einer Schnittanleitung für Damenblusen, spannender sein können als “Sieben” oder “Spiel mir das Lied vom
Tod”? Der Bildstandstest der Kameras, er kann es, erst recht bei einer anstehenden Produktionszeit von nur zwei Drehtagen für einen geplant dreiminütigen Kinospot gegen Gewalt, bei dem jedes kleinste Detail darüber
entscheiden kann, ob das Ganze steht oder fällt. Und eine perfekt laufende Kamera ist da wahrlich nicht das kleinste Detail. Dann der Schock spät abends: Wenige Stunden vor Drehbeginn zeigt ausgerechnet die Maschine
für die SlowMotions extreme Unregelmäßigkeiten beim Bildstand. Tragischer- weise ist kein Ersatzgerät zu bekommen, da die Kapazitäten aller Leihparks in München erschöpft sind. Also legt Kameraassistent
Günther Kanamüller eine zusätzliche Nachtschicht bei einem aus dem Schlaf geklingelten Servicemann ein, während Regie und Kameramann noch am eilig gezimmerten Storyboard stricken und der Produzent Roland Kanamüller
währenddessen auf glühenden Kohlen sitzt.
Samstag, 1. Oktober - 1. Drehtag
Nach einer kurzen Nacht steht das Set. In den Kulissen der Löwengrube am Bavaria Filmgelände in München hat die Ausstattung schon ganze Arbeit geleistet, während sich aus unzähligen Alukoffern ein Team aus Licht, Ton
und Kamera ineinanderwindet, Leitungen, Schienen und Equipment für die erste Klappe aufbaut und ausgedorrte Blätter von einer Windmaschine über das Kopfsteinpflaster geweht werden.
Die häufigste Frage zu diesem Zeitpunkt: “Wo gibt’s hier Kaffee?” und der gefürchtetste Satz: “Wir haben ein Problem!” Zum Glück bleiben Probleme weitgehend aus und verweisen darauf, dass das Produktionsteam im
Hintergrund recht gute Vorarbeit geleistet hat. Im Notfall helfen immer noch die Filmwundermittel: Lassoband und Bostik! Alle Räder greifen ineinander und nach den ersten Szenen herrscht bereits die relaxte
Gelassenheit der Profis. Was den großen Unterschied macht: Hier stehen an die 50 Leute ein ganzes Wochenende in Arbeit, aber ohne Lohn. Einige sind sogar auf eigene Kosten weit angereist, bringen sich auf eigene
Faust irgendwo unter und die Kostümbildnerin, die eigentlich Zuhause ihre Geburtstagsparty schmeißen sollte, hätte seit einer Stunde eigentlich weg sein wollen und organisiert statt dessen noch schnell ein weißes
Tuch für einen Sektkübel.
Filmarbeit ist bisweilen extreme Detailarbeit. Eine weggeschnippte Zigarettenkippe soll effektvoll am Pflaster aufschlagen und Funken und Asche symbolstark zerstoben. Außerdem soll die Kippe dann auf einer sechs
Meter breiten Leinwand gestochen scharf kommen. Die Tabakindustrie werden die zahlreichen Versuche gefreut haben.
Gegen 10:15 Uhr die längste Einstellung des Tages: Anfangsidyll mit Bierlieferant (zusätzliche “tragende Rolle” für den Aufnahmeleiter), rollerfahrendes Kind, ein verliebtes Paar im Terrassencafé mit mediterranem
Flair und ein südländischer Wirt serviert galant den Espresso. Alles mit freundlichem Lächeln bis zum Schluss. Die Rowdies, die mit bedrohlichem Gesichtsausdruck ihren späteren Tatort erkunden, sind schon Stunden
vorher gedreht worden.
11:00 Uhr: Ein kleineres Klirren am angestoßenen Stativ kann eine Szene kippen und die nächste Klappe erzwingen. Bei knappem Budget zählt jeder verdrehte Meter Film. Schließlich werden es Kilometer werden, selbst
wenn dann nur einige Prozent davon auf die Leinwand kommen.
Nachmittags: Jetzt kommt die Steadicam zum Einsatz. Jürgen Henkel ist einer von wenigen Spezialisten, die das 60 Kilo Koloss aussehen lassen, als ob es durch den Raum schweben würde. Dabei ist das schweißtreibende
Arbeit. “Du musst sie beherrschen, musst wissen, wo sie hin will, um sie zu leiten, wohin du sie willst,” sagt er und ignoriert die um ihn herum geschwungenen Baseballschläger stur, die oft zentimeterweise an ihm
und an sündteurer Technik vorbeisausen.
Abends dann die spannendste Szene des Tages: Ein einstürzendes Baugerüst soll die Hauptdarstellerin unter sich begraben. Natürlich wird sie erst anschließend unter die Trümmer gelegt. Aber mit gebührendem
Sicherheitsabstand wartet dennoch das ganze Team gespannt, ob die Stahlkonstruktion auch wirklich in gewünschter Form in sich zusammenkracht und nicht an der Hauswand hängen bleibt oder ein umherfliegendes Teil eine
Kamera zertrümmert. Der Spezialeffekt klappt perfekt, Szenenapplaus und weil die SFXler auch noch Unmengen an Ziegelsteinbrocken für das perfekte Chaos auf das Gerüst gepackt hatten, sind anschließend 50 mit ihrem
Arbeitstag zufriedene Filmschaffende damit beschäftigt, sich den blutroten Staub aus Kleidung und Technik zu klopfen.
Mittlerweile ist es dunkel - Licht und Kamera können dies jedoch “wegleuchten” - und es regnet. Dennoch muss unsere Tote “Gabi” noch eine gute Stunde auf kaltem Pflaster liegen bis die eigentlich im Spot letzte Szene
mit “stummem Schrei” und aufwendiger Chapman-Kamerafahrt im Kasten ist und sorgt dabei doppelt für Gänsehaustimmung.
Sonntag, 2. Oktober 2000 - 2. Drehtag
Die am Vorabend aus Sicherheitsgründen aufgeräumte “Trümmerlandschaft” wird originalgetreu und “anschlussecht” wieder hergestellt. Ans Set kommt nun auch Sylvia Leifheit, Star der SAT.1-Serie “Die rote Meile” und
anderer Produktionen, um “einfach nur da zu sein”. Ihre Rolle, irgendwo im Hintergrund Sekundenbruchteile aufzutauchen und mit Starbonus aus kollegialer Freundschaft zum Produzenten den Spot zu promoten, trägt sie
trotz durchwachter Nacht zuvor und Kälteeinbruch professionell. Leider muss die Szene aus technischen Gründen später rausfallen.
Der Zeitplan lastet bedrohlich auf den Schultern des Teams und eine eingeschlagene Schaufensterscheibe bricht ausgerechnet an der falschen Stelle. Also wird ein komplettes Schuhgeschäft eine Fensterscheibe weiter neu
aufgebaut und bei der zweiten Chance klappt es dann auch. Nachmittags wieder Regenwolken und schließlich muss aus einem romantischen Sommer- ein verliebter Regenspaziergang werden. Gabi ist´s ja schon gewohnt, im
Regen Bestleistungen zu geben, und zum Abschluss geht es für die Liebesszenen endlich ins relativ warme Studio.
Schließlich nach zwei Tagen ist es tatsächlich geschafft: Mit No-Budget, aber maximalem Engagement wurde ein Film mit Kinoqualitäten produziert.
Doch die Arbeit, so wird es im Nachhinein klar, sollte jetzt erst beginnen: Schnitt, Ton, Musik, Effektbearbeitung... Ein weiter Weg sollte noch zu beschreiten sein. Am Ende wird sich der Einsatz aber gelohnt haben.
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